Dasselbe Brötchen taucht in den Daten einer Bäckerei an fünf verschiedenen Stellen auf, jedes Mal unter einem anderen Namen und genau an dieser Stelle beginnt meine Arbeit.
Wenn ein frischer Datenexport aus einer Bäckerei bei mir auf dem Bildschirm landet, sehe ich erst einmal zehntausende Zeilen, die alle für sich genommen völlig unschuldig aussehen. Meine eigentliche Arbeit beginnt lange bevor irgendjemand ein Diagramm zu Gesicht bekommt. Sie beginnt mit der Frage, ob all diese Zeilen zusammen eine stimmige Geschichte erzählen oder ob sie sich an tausend kleinen Stellen widersprechen.
Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, denken bei Daten an die schöne Auswertung am Ende, an die saubere Kurve und den übersichtlichen Vergleich zwischen den Filialen. Genau das halten viele für die Magie. Die eigentliche Magie passiert allerdings viel früher und vollkommen unsichtbar, in dem Moment, in dem aus einem rohen, widerspenstigen Wust an Kassenbuchungen überhaupt erst etwas wird, dem man trauen kann.
Ich möchte heute deshalb aufschreiben, worüber wir bei databites reden, wenn wir von einer Datengrundlage sprechen. Hinter diesem etwas sperrigen Wort steckt am Ende eine ganz einfache Frage: ob die Zahlen, die abends aus der Kasse fallen, wirklich das erzählen, was tagsüber in der Backstube und über den Tresen passiert ist. Dahinter steht für mich auch die Frage, ob ich mich als der Mensch, der diese Zahlen weiterverarbeitet, am Ende wirklich auf sie verlassen kann.
Was eine Datengrundlage überhaupt ist
Eine Datengrundlage ist im Grunde das Rohmaterial, mit dem ich jeden Tag arbeite. Sie ist gleichzeitig das Ehrlichste und das Trügerischste, was eine Bäckerei besitzt. Sie entsteht aus der Summe all der winzigen Entscheidungen, die an der Kasse getroffen werden, ohne dass dabei jemals jemand an eine spätere Auswertung denkt.
Jede dieser Entscheidungen fällt in Sekundenbruchteilen, während eine Verkäuferin in der Stoßzeit eine Schlange abarbeitet und sich entscheiden muss, auf welche Taste sie drückt. Für sich genommen ist jede davon völlig richtig. Was am Ende bei mir ankommt, ist deshalb eine Art Sediment aus tausenden solcher Augenblicke, die sich über Wochen übereinandergelegt haben.
Meine Aufgabe besteht zu einem überraschend großen Teil darin, dieses Sediment so zu ordnen, dass das gleiche Brötchen aus Filiale eins, aus Filiale sieben und aus dem Café am Marktplatz in der Auswertung auch wirklich als das gleiche Brötchen ankommt. Nur dann vergleichen wir Äpfel mit Äpfeln und erzählen uns keine Geschichte, die so nie über den Tresen gegangen ist.
Woran ich saubere Daten erkenne
Saubere Daten erkenne ich selten daran, dass sie besonders ordentlich aussehen. Für mich hängt sauber vor allem an zwei Fragen: ob die Einstellungen einer Bäckerei so gesetzt sind, dass ich am Ende alles verlässlich umrechnen kann und ob in der Kasse auch wirklich so gebucht wird, wie es diese Einstellungen vorsehen.
Bevor ich mir eine einzige Auswertung anschaue, gehe ich deshalb meistens drei Ebenen durch. Zuerst prüfe ich, ob die verschiedenen Systeme überhaupt zueinanderpassen, ob sich also die Nummern aus dem einen Programm sauber mit den Filialnummern aus dem anderen verbinden lassen. Danach schaue ich auf die grundlegenden Einstellungen des Betriebs, auf die Arbeitsbereiche, auf den Schnitt der Warengruppen, auf die Abwesenheitstypen und darauf, wie die Leistung überhaupt berechnet wird. Erst dann gehe ich in die tieferen Artikeleinstellungen und stelle die eigentlich entscheidenden Fragen: wie sich Tüten zurückrechnen lassen, wie Snacks eingepflegt sind, ob ich einen Snack überhaupt wieder auf seinen Basisartikel zurückführen kann und wie es um Tagesartikel, Korrekturen und Abschriften steht.
Am Ende setze ich das alles wie ein Puzzle zusammen, um aus den Möglichkeiten und den Grenzen eines Betriebs die bestmöglichen Auswertungen herauszuholen. Oft geben die Daten eine bestimmte Auswertung gar nicht sauber her, oder ein Betrieb weiß selbst nicht genau, wie seine eigenen Einstellungen aussehen und genau dort beginnt der eigentlich spannende Teil meiner Arbeit.
Dazu kommt, dass dasselbe Produkt über die Zeit gleich gebucht werden muss und in jeder Filiale nach denselben Regeln, weil erst diese Wiederholbarkeit dafür sorgt, dass eine Zahl überhaupt etwas bedeutet. Gerade in einer Filialbäckerei mit vielen Standorten entscheidet sich genau daran, ob der Vergleich zwischen den Häusern am Ende fair ausfällt. Ein süßes Teilchen, das mal unter Feingebäck und mal unter Snack läuft, je nachdem wer es einbucht, lässt die Wahrheit über das Sortiment einfach mit der Tagesform der Person hinter der Kasse mitwandern.
So gehe ich eine Datengrundlage durch, bevor ich auch nur eine Auswertung öffne
Passen die Nummern aus Programm A zu den Filialnummern aus Programm B?
Arbeitsbereiche, Warengruppen-Schnitt, Abwesenheitstypen, Leistungs-Berechnung.
Tüten zurückrechnen, Snacks auf Basisartikel, Tagesartikel, Korrekturen, Abschriften.
Wo die Mogelpackungen liegen
Die schönsten Mogelpackungen sind fast immer die Zahlen, die auf den ersten Blick besonders rund und sauber aussehen. Eine glatte Gesamtsumme tröstet verlässlich darüber hinweg, dass darunter ein ziemliches Durcheinander steckt. Mein halber Job besteht darin, genau diese beruhigend wirkenden Summen wieder aufzubrechen und nachzuschauen, woraus sie eigentlich bestehen.
Eine ganz ähnliche Falle sind hochaggregierte Werte. Eine Retourenquote über eine ganze Warengruppe oder über einen kompletten Monat sieht meistens völlig unauffällig aus und der Betrieb hat das Gefühl, dass alles passt. Sobald ich eine Ebene tiefer gehe, auf den einzelnen Artikel oder auf die einzelne Woche, ergeben dieselben Werte oft keinen Sinn mehr, weil sich im Schnitt zwei gegenläufige Geschichten gegenseitig glattgebügelt haben.
Die größte Mogelpackung von allen ist für mich die Sammeltaste. Diese eine Taste mit der Aufschrift Diverse oder Sonstiges existiert in den meisten Kassen und wird über die Jahre zu einer kleinen Wundertüte, in der alles landet, was sich gerade nicht zuordnen lässt. In den Rohdaten erkenne ich sie sofort, weil sie irgendwann unnatürlich groß wird und einen ganzen Berg an Umsatz verschluckt, der dann genau dort fehlt, wo wir am genauesten hinschauen müssten.
Eine zweite Mogelpackung steckt in den vielen kleinen Korrekturen und Stornos, die für sich genommen nach nichts aussehen und sich in der Masse trotzdem zu ganzen Mustern auswachsen. Eine dritte versteckt sich in Produkten, die unter der falschen Warengruppe geführt werden, weil sie irgendwann mal schnell angelegt und danach nie wieder angefasst wurden. Das Tückische daran ist, dass diese Dinge im Tagesgeschäft niemandem auffallen, weil die Kasse am Abend trotzdem stimmt und das Geld in der Schublade passt. Ein Kassensturz prüft eben nur, ob die Summe richtig ist und niemals, ob die Geschichte dahinter stimmt. Genau diese Geschichte landet am Ende auf meinem Tisch.
Die schönsten Zahlen sind oft die, die am wenigsten stimmen
So tarnen sich Datenfehler im Tagesgeschäft.
Tröstet darüber hinweg, dass darunter Durcheinander steckt. Aufbrechen, nachschauen, woraus sie besteht.
Retouren über die ganze Warengruppe sehen sauber aus. Eine Ebene tiefer widerspricht sich alles.
Eine Wundertüte, in der über Jahre alles landet, was sich gerade nicht zuordnen lässt.
Einzeln nichts, in der Masse ein Muster. Falsche Warengruppe inklusive.
- Diverse / Sonstiges42%
- Brot & Brötchen22%
- Snack18%
- Feingebäck12%
- Konditorei6%


