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    KENNZAHLEN

    Wovon wir reden, wenn wir von einer Datengrundlage sprechen

    Ein Blick hinter die Kulissen unserer Data-Science-Arbeit: Warum dasselbe Brötchen in einem Datenexport an fünf Stellen auftaucht und warum eine ehrliche Datengrundlage wichtiger ist als jedes schöne Diagramm.

    Aaron Konken
    Aaron KonkenArtificial Intelligence Programmer & Data Scientist @databites
    25. Juni 2026· 9 Min
    Prolog

    Dasselbe Brötchen taucht in den Daten einer Bäckerei an fünf verschiedenen Stellen auf, jedes Mal unter einem anderen Namen und genau an dieser Stelle beginnt meine Arbeit.

    Wenn ein frischer Datenexport aus einer Bäckerei bei mir auf dem Bildschirm landet, sehe ich erst einmal zehntausende Zeilen, die alle für sich genommen völlig unschuldig aussehen. Meine eigentliche Arbeit beginnt lange bevor irgendjemand ein Diagramm zu Gesicht bekommt. Sie beginnt mit der Frage, ob all diese Zeilen zusammen eine stimmige Geschichte erzählen oder ob sie sich an tausend kleinen Stellen widersprechen.

    Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, denken bei Daten an die schöne Auswertung am Ende, an die saubere Kurve und den übersichtlichen Vergleich zwischen den Filialen. Genau das halten viele für die Magie. Die eigentliche Magie passiert allerdings viel früher und vollkommen unsichtbar, in dem Moment, in dem aus einem rohen, widerspenstigen Wust an Kassenbuchungen überhaupt erst etwas wird, dem man trauen kann.

    Ich möchte heute deshalb aufschreiben, worüber wir bei databites reden, wenn wir von einer Datengrundlage sprechen. Hinter diesem etwas sperrigen Wort steckt am Ende eine ganz einfache Frage: ob die Zahlen, die abends aus der Kasse fallen, wirklich das erzählen, was tagsüber in der Backstube und über den Tresen passiert ist. Dahinter steht für mich auch die Frage, ob ich mich als der Mensch, der diese Zahlen weiterverarbeitet, am Ende wirklich auf sie verlassen kann.

    Was eine Datengrundlage überhaupt ist

    Eine Datengrundlage ist im Grunde das Rohmaterial, mit dem ich jeden Tag arbeite. Sie ist gleichzeitig das Ehrlichste und das Trügerischste, was eine Bäckerei besitzt. Sie entsteht aus der Summe all der winzigen Entscheidungen, die an der Kasse getroffen werden, ohne dass dabei jemals jemand an eine spätere Auswertung denkt.

    Jede dieser Entscheidungen fällt in Sekundenbruchteilen, während eine Verkäuferin in der Stoßzeit eine Schlange abarbeitet und sich entscheiden muss, auf welche Taste sie drückt. Für sich genommen ist jede davon völlig richtig. Was am Ende bei mir ankommt, ist deshalb eine Art Sediment aus tausenden solcher Augenblicke, die sich über Wochen übereinandergelegt haben.

    Meine Aufgabe besteht zu einem überraschend großen Teil darin, dieses Sediment so zu ordnen, dass das gleiche Brötchen aus Filiale eins, aus Filiale sieben und aus dem Café am Marktplatz in der Auswertung auch wirklich als das gleiche Brötchen ankommt. Nur dann vergleichen wir Äpfel mit Äpfeln und erzählen uns keine Geschichte, die so nie über den Tresen gegangen ist.

    Woran ich saubere Daten erkenne

    Saubere Daten erkenne ich selten daran, dass sie besonders ordentlich aussehen. Für mich hängt sauber vor allem an zwei Fragen: ob die Einstellungen einer Bäckerei so gesetzt sind, dass ich am Ende alles verlässlich umrechnen kann und ob in der Kasse auch wirklich so gebucht wird, wie es diese Einstellungen vorsehen.

    Bevor ich mir eine einzige Auswertung anschaue, gehe ich deshalb meistens drei Ebenen durch. Zuerst prüfe ich, ob die verschiedenen Systeme überhaupt zueinanderpassen, ob sich also die Nummern aus dem einen Programm sauber mit den Filialnummern aus dem anderen verbinden lassen. Danach schaue ich auf die grundlegenden Einstellungen des Betriebs, auf die Arbeitsbereiche, auf den Schnitt der Warengruppen, auf die Abwesenheitstypen und darauf, wie die Leistung überhaupt berechnet wird. Erst dann gehe ich in die tieferen Artikeleinstellungen und stelle die eigentlich entscheidenden Fragen: wie sich Tüten zurückrechnen lassen, wie Snacks eingepflegt sind, ob ich einen Snack überhaupt wieder auf seinen Basisartikel zurückführen kann und wie es um Tagesartikel, Korrekturen und Abschriften steht.

    Am Ende setze ich das alles wie ein Puzzle zusammen, um aus den Möglichkeiten und den Grenzen eines Betriebs die bestmöglichen Auswertungen herauszuholen. Oft geben die Daten eine bestimmte Auswertung gar nicht sauber her, oder ein Betrieb weiß selbst nicht genau, wie seine eigenen Einstellungen aussehen und genau dort beginnt der eigentlich spannende Teil meiner Arbeit.

    Dazu kommt, dass dasselbe Produkt über die Zeit gleich gebucht werden muss und in jeder Filiale nach denselben Regeln, weil erst diese Wiederholbarkeit dafür sorgt, dass eine Zahl überhaupt etwas bedeutet. Gerade in einer Filialbäckerei mit vielen Standorten entscheidet sich genau daran, ob der Vergleich zwischen den Häusern am Ende fair ausfällt. Ein süßes Teilchen, das mal unter Feingebäck und mal unter Snack läuft, je nachdem wer es einbucht, lässt die Wahrheit über das Sortiment einfach mit der Tagesform der Person hinter der Kasse mitwandern.

    Drei Ebenen Vor-Check

    So gehe ich eine Datengrundlage durch, bevor ich auch nur eine Auswertung öffne

    01
    Systeme verbinden

    Passen die Nummern aus Programm A zu den Filialnummern aus Programm B?

    02
    Betriebs-Einstellungen

    Arbeitsbereiche, Warengruppen-Schnitt, Abwesenheitstypen, Leistungs-Berechnung.

    03
    Artikel-Tiefe

    Tüten zurückrechnen, Snacks auf Basisartikel, Tagesartikel, Korrekturen, Abschriften.

    Wo die Mogelpackungen liegen

    Die schönsten Mogelpackungen sind fast immer die Zahlen, die auf den ersten Blick besonders rund und sauber aussehen. Eine glatte Gesamtsumme tröstet verlässlich darüber hinweg, dass darunter ein ziemliches Durcheinander steckt. Mein halber Job besteht darin, genau diese beruhigend wirkenden Summen wieder aufzubrechen und nachzuschauen, woraus sie eigentlich bestehen.

    Eine ganz ähnliche Falle sind hochaggregierte Werte. Eine Retourenquote über eine ganze Warengruppe oder über einen kompletten Monat sieht meistens völlig unauffällig aus und der Betrieb hat das Gefühl, dass alles passt. Sobald ich eine Ebene tiefer gehe, auf den einzelnen Artikel oder auf die einzelne Woche, ergeben dieselben Werte oft keinen Sinn mehr, weil sich im Schnitt zwei gegenläufige Geschichten gegenseitig glattgebügelt haben.

    Die größte Mogelpackung von allen ist für mich die Sammeltaste. Diese eine Taste mit der Aufschrift Diverse oder Sonstiges existiert in den meisten Kassen und wird über die Jahre zu einer kleinen Wundertüte, in der alles landet, was sich gerade nicht zuordnen lässt. In den Rohdaten erkenne ich sie sofort, weil sie irgendwann unnatürlich groß wird und einen ganzen Berg an Umsatz verschluckt, der dann genau dort fehlt, wo wir am genauesten hinschauen müssten.

    Eine zweite Mogelpackung steckt in den vielen kleinen Korrekturen und Stornos, die für sich genommen nach nichts aussehen und sich in der Masse trotzdem zu ganzen Mustern auswachsen. Eine dritte versteckt sich in Produkten, die unter der falschen Warengruppe geführt werden, weil sie irgendwann mal schnell angelegt und danach nie wieder angefasst wurden. Das Tückische daran ist, dass diese Dinge im Tagesgeschäft niemandem auffallen, weil die Kasse am Abend trotzdem stimmt und das Geld in der Schublade passt. Ein Kassensturz prüft eben nur, ob die Summe richtig ist und niemals, ob die Geschichte dahinter stimmt. Genau diese Geschichte landet am Ende auf meinem Tisch.

    Vorsicht · Vier Mogelpackungen

    Die schönsten Zahlen sind oft die, die am wenigsten stimmen

    So tarnen sich Datenfehler im Tagesgeschäft.

    01
    Die glatte Gesamtsumme

    Tröstet darüber hinweg, dass darunter Durcheinander steckt. Aufbrechen, nachschauen, woraus sie besteht.

    02
    Hochaggregierte Quoten

    Retouren über die ganze Warengruppe sehen sauber aus. Eine Ebene tiefer widerspricht sich alles.

    03
    Die Sammeltaste Diverse

    Eine Wundertüte, in der über Jahre alles landet, was sich gerade nicht zuordnen lässt.

    04
    Stille Korrekturen & Stornos

    Einzeln nichts, in der Masse ein Muster. Falsche Warengruppe inklusive.

    Schematische Verteilung
    Wie die Sammeltaste den Umsatz verschluckt
    42%Diverse
    • Diverse / Sonstiges42%
    • Brot & Brötchen22%
    • Snack18%
    • Feingebäck12%
    • Konditorei6%

    Was aus einem Brötchen alles werden kann

    Das schönste Beispiel für all das ist und bleibt für mich das ganz normale Brötchen, weil kaum ein anderes Produkt im Laufe eines Tages so viele verschiedene Leben führt. Ich finde dieses eine Brötchen in einem typischen Export an fünf völlig verschiedenen Stellen wieder.

    Morgens wird es einzeln über den Tresen gereicht und sauber als Brötchen gebucht. Eine Stunde später wandert es belegt mit Käse und Schinken in den Snackbereich und bekommt dort einen eigenen Artikel mit eigenem Preis und eigener Warengruppe. Vormittags steckt es in einem Frühstücksangebot, in dem es als einzelne Position überhaupt nicht mehr auftaucht. Nachmittags geht eine Kiste davon an den Partyservice und läuft über eine ganz andere Schiene. Am Abend landet der Rest entweder als Personalverzehr in der Pause oder als Retoure in der Statistik.

    Wenn ich dieses eine Brötchen später in den Daten zusammensuchen will, muss ich es aus fünf verschiedenen Spuren wieder zu einem einzigen Produkt zusammenführen, jede davon unter einem anderen Namen abgelegt. Genau diese Zusammenführung ist ein großer Teil der unsichtbaren Magie, von der vorhin die Rede war. Die Frage, wie viele Brötchen morgen früh wirklich gebacken werden müssen, lässt sich erst dann sauber beantworten, wenn diese fünf Spuren wieder zueinandergefunden haben, weil eine Bedarfsplanung immer nur so gut sein kann wie die Eindeutigkeit, mit der das geplante Produkt überhaupt erfasst wurde.

    Ein Brötchen, fünf Leben

    Wähle ein Brötchen: dasselbe Produkt, jedes Mal eine andere Buchung im System.

    Bon-Position06:30 Uhr
    BROETCHEN WEIZEN0,55 €
    WG: Brot & Brötchen
    einzeln über den Tresen, sauber gebucht

    Wird zu viel geschmiert? Und die Sache mit der Snack-Gefahr

    Damit sind wir bei der Frage, die mir in den Daten am häufigsten begegnet: ob im Laden vielleicht zu viel geschmiert wird und ich meine das in beiden Bedeutungen gleichzeitig. Das Snackgeschäft ist auf der einen Seite ein Segen, weil ein belegtes Brötchen am Mittag deutlich mehr in die Kasse bringt als ein blankes am Morgen. Auf der anderen Seite frisst genau dieses Snackgeschäft die Datengrundlage langsam von innen auf. Jedes belegte Brötchen ist ein zusammengesetztes Produkt aus einem Grundbrötchen, etwas Wurst, etwas Käse und ein bisschen Salat und nur in den seltensten Fällen wird der Verbrauch dieses Grundbrötchens im Hintergrund auch wirklich vom Brötchenbestand abgezogen.

    In den Zahlen führt das zu einer paradoxen Bewegung, die ich immer wieder sehe. Die Brötchen werden in der Statistik genau dann immer weniger, je besser das Snackgeschäft läuft, weil sie sich heimlich in die Snackzahlen verabschieden und in der eigentlichen Brötchenspalte fehlen. Genau das nenne ich für mich die Snack-Gefahr. Ein Standort kann dadurch in der Auswertung aussehen wie eine schwächelnde Backstube, obwohl er in Wahrheit ein brummendes kleines Bistro geworden ist. Meine Arbeit besteht dann oft darin, diese verschluckten Grundbrötchen wieder sichtbar zu machen, damit eine sinkende Brötchenzahl bei steigendem Umsatz am Ende richtig gelesen wird, als die Spur eines Geschäfts, das sich von der Theke in Richtung Snack verschoben hat.

    Die Snack-Gefahr

    Brötchenzahl sinkt, Umsatz steigt, alles am gleichen Standort

    Die paradoxe Bewegung, die entsteht, wenn Grundbrötchen heimlich in den Snackzahlen verschwinden.

    80100120140Snackgeschäft wächstUmsatz gesamt(inkl. Snack)Brötchen-StückzahlJanFebMärAprMaiJunJulAug

    Ein Standort sieht in der Auswertung aus wie eine schwächelnde Backstube, in Wahrheit ist er ein brummendes kleines Bistro geworden. Schematische Darstellung.

    Warum sich der Blick auf die Datengrundlage lohnt

    Wenn ich heute mit jemandem über Daten spreche, fange ich deshalb fast nie mit Modellen oder Diagrammen an. Ich beginne mit der ganz unspektakulären Frage, wie ein Brötchen in diesem Betrieb eigentlich gebucht wird, weil sich genau daran entscheidet, wie viel von der späteren Auswertung überhaupt belastbar ist. Eine gute Datengrundlage ist am Ende keine technische Spielerei für Menschen wie mich, die gerne mit Zahlen hantieren. Sie ist die schlichte Voraussetzung dafür, dass eine Bäckerei sich morgens auf das verlassen kann, was sie abends über sich selbst gelernt hat.

    Genau deshalb schauen wir bei databites mit insights nicht zuerst darauf, wie schön sich Zahlen darstellen lassen. Wir schauen viel früher darauf, ob unter der Oberfläche überhaupt das steht, was alle glauben, das dort steht. Eine ehrliche Zahl, die ein bisschen unbequem ist, hilft einer Bäckerei langfristig immer mehr als eine schöne Zahl, die sich am nächsten Morgen in der Backstube nicht halten lässt.

    Meine Arbeit fühlt sich dabei oft an wie das Sanieren eines alten Hauses. Bei den Daten einer Bäckerei muss ich erst zurück auf die Grundmauern, um zu sehen, was wirklich trägt, auch wenn das auf den ersten Blick hässlicher aussieht oder sich für einen Moment wie ein Rückschritt anfühlt. Erst durch diesen Rückbau lässt sich ein neues, belastbares Datengerüst aufbauen. Die eigentliche Magie an meiner Arbeit liegt am Ende fast immer dort, wo man sie gar nicht sieht: in dem stillen Moment, in dem aus einem Durcheinander an Kassenzeilen eine Grundlage wird, auf der jemand morgens tatsächlich eine Entscheidung treffen kann.

    Was ist gerade eure größte Datenbaustelle? Bei der Retourenquote zum Beispiel begegnet mir in fast jedem Betrieb eine andere Rechnung.

    Über den Autor

    Aaron Konken

    Aaron Konken

    Artificial Intelligence Programmer & Data Scientist @databites

    Artificial Intelligence Programmer & Data Scientist bei databites. Schreibt darüber, wie aus Kassenzeilen belastbare Datengrundlagen werden.

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